10. Ein halbes Jahr in Tansania

Hallo meine Lieben, ich hoffe, es geht euch gut. Tut mir leid, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe, ich hatte viel zu tun. Ich habe gehört, dass der Frühling bei euch langsam kommt und ihr die Sonne genießt. 

Ich bin mittlerweile in der Regenzeit angekommen. Die warmen Tage genieße ich sehr, aber es regnet fast täglich und dann gehts plötzlich bis auf 18 Grad runter.

Kaum zu glauben, dass ich schon über sechs Monate in Tansania bin. Die Zeit vergeht unglaublich schnell, und meine Begeisterung ist noch genauso groß wie am ersten Tag. Ich freue mich über Begegnungen, die Menschen, das Essen, die Kinder im Angels Home, jede Sprachbarriere und jeden Moment, der mich staunen oder lachen lässt. Ich gehe fast immer noch jeden Abend mit einem Grinsen ins Bett, und das ist einfach schön.

Mein Alltag hat eine feste Routine, und doch gibt es fast täglich Augenblicke, die mich innehalten lassen. Ich bin tief in der Kultur angekommen, habe Schönes erlebt, aber auch herausfordernde Situationen kennengelernt. Meine Kiswahili-Kenntnisse haben sich stark verbessert. Ich komme super durch den Alltag, kann auch tiefgründe Gespräche auf Kiswahili führen und merke jedes Mal, wie Sprache Türen öffnet. Auch ich habe mich in diesen sechs Monaten weiterentwickelt, bin über mich hinausgewachsen und habe einen großen Lernprozess durchgemacht. Trotzdem liegen noch einige Monate vor mir, auf die ich mich sehr freue und in denen ich sicherlich noch so viele weitere Dinge lernen werde. Ich bin gespannt, was noch alles passieren wird. Einige Reisen sind noch geplant, ansonsten mache ich es auf die tansanische Art: SPONTAN.

Wie ihr wisst, war ich im Januar kaum in Rulenge, da Familienbesuch, Safari und Zwischenseminar anstanden. Den Februar habe ich fast komplett hier verbracht, was mir unglaublich gutgetan hat. Nach drei Wochen unterwegs sein bin ich wieder angekommen und habe in diesem Monat viel erlebt und gelernt, diesmal auf eine ganz andere Art als zuvor.

Arbeit mit der Caritas 

Der Monat begann für mich mit einem kleinen Wechsel, denn ich habe ein zweiwöchiges Praktikum bei der Caritas gemacht. Dabei durfte ich zwei Teams kennenlernen: das Integrated Rural Family Development Programme, kurz IRFDP, und das Rulenge Community Based Rehabilitation Programme, RCBRP.

In der ersten Woche mit dem IRFDP-Team sind wir jeden Tag in ein anderes Dorf im Distrikt Rulenge-Ngara gefahren und haben Familien besucht. Das Projekt begleitet 808 Haushalte in 24 Dorfgemeinschaften und unterstützt sie dabei, ihre Lebensbedingungen langfristig zu verbessern, durch bessere Landwirtschaft, ein stabileres Einkommen, mehr Gesundheit, Hygiene und gute Ernährung.

Jeder Tag begann mit einem zweistündigen Austausch mit der Dorfgemeinschaft. Was läuft schon gut, wo braucht es noch Unterstützung? Danach ging es in Kleingruppen in die Haushalte. Wir haben uns die Felder angeschaut, die Tiere,die Häuser, Hygiene, Ernährung. Alles, was den Alltag der Familien ausmacht. Mithilfe eines Fragebogens haben wir alles dokumentiert. Das ist wichtig, um zu sehen, wo weitere Hilfe gebraucht wird.

Ein Beispiel: Vor einigen Monaten hat die Caritas einem Haushalt vier Hasen gespendet. Mittlerweile sind es 35, deren Urin als Dünger dient und die Felder besser nutzbar macht. Dadurch konnten die Familien mehr verkaufen, neues Vieh anschaffen und ihr Einkommen verbessern. Außerdem haben sie Samen der Pflanze Colocasia bekommen, deren große weiche Blätter als Ersatz für Toilettenpapier dienen, weil sich viele Haushalte das nicht leisten können. 

Im Laufe der Woche wurde mir immer klarer, wie hart das Leben hier sein kann. Häuser stehen kurz vor dem Einsturz oder werden bei Regen überflutet. Es gibt kaum Duschmöglichkeiten und kein fließendes Wasser oder Strom. Viele Menschen sind komplett auf ihre Nachbarn angewiesen, die selbst häufig ca. 15 Minuten entfernt wohnen. Die Woche mit dem IRFDP-Team war sehr bereichernd, aber auch erschütternd. Ich finde es sehr wichtig, diesen Teil des Landes kennenzulernen, der sonst oft unsichtbar bleibt.

In der zweiten Woche habe ich mit dem RCBRP-Team gearbeitet. Dieses Programm unterstützt Menschen mit Behinderungen direkt in ihren Dörfern. Kinder werden gefördert, lernen laufen, bekommen Medikamente und Hilfsmittel wie Krücken oder Rollstühle. Außerdem wird über HIV und andere Krankheiten aufgeklärt. Ziel ist es, Rulenge und die umliegenden Dörfer inklusiver und barrierefreier zu gestalten.

Ich konnte von Anfang an richtig mitarbeiten: Wir haben Akten ausgewertet, Material organisiert und in den Communities angerufen, um zu klären, wo gerade dringender Bedarf ist. Einige Telefonate durfte ich selbst führen, wobei ich sprachlich teilweise an meine Grenzen kam, weil manche nur Kishubi sprechen, die lokale Sprache, die ich nicht verstehe.

Besonders berührt hat mich der Besuch im Krankenhaus mit Irene, der Physiotherapeutin. Wir haben Übungen mit Kindern gemacht und einen Mann getroffen, der an Elephantiasis leidet. Seine Füße sind geschwollen, sehr schwer und schmerzhaft, sodass Gehen kaum möglich ist. Konkret bei ihm haben wir dann Physiotherapie gemacht und neue Medikamente mitgebracht. Außerdem hat die Caritas vor ein paar Monaten ein kleines Haus für ihn gebaut, dass er dort schlafen und essen kann, vorher hat er auf der Straße gelebt. Millionen Menschen in Tansania sind von dieser Krankheit betroffen, allerdings ist es kaum möglich diese Krankheit richtig zu heilen.

Wir haben auch das Waisenhaus Goya Goya besucht, wo ein stark unterernährtes Baby vor einigen Wochen hingebracht wurde und nun glücklicherweise gut versorgt, ist. Eine Rückkehr zur Familie ist momentan allerdings nicht möglich.

Bei Hausbesuchen wurde mir nochmal bewusst, wie überfordert viele Familien mit einem Kind mit Behinderung sind. Unterstützungsangebote sind oft begrenzt und in der Gesellschaft sind sie immer noch nicht vollständig akzeptiert. Umso berührender war es zu sehen, wie viel schon kleine Momente der Aufmerksamkeit bewirken können. Während das Team die Eltern beriet, habe ich mit einem Jungen mit Downsyndrom gespielt. Auch wenn wir uns kaum verstanden haben, war sofort spürbar, wie sehr er sich über die Aufmerksamkeit gefreut hat.

Außerdem haben wir Impfstoffe im Krankenhaus abgeholt und direkt zu den Familien gebracht. Besonders eindrücklich war auch der Besuch bei einer großen Familie, in der viele mit gesundheitlichen Einschränkungen zu kämpfen haben. Trotz allem wurden wir unglaublich herzlich empfangen, haben zusammen gekocht und Zeit mit den Kindern verbracht.

Durch die vielen Fahrten habe ich die Umgebung um Rulenge nochmal deutlich besser kennengelernt. Die Landschaft hier ist einfach wunderschön. Dank der Dokumentation der Caritas konnte ich später auch Fotos der Besuche bekommen, ohne während der Hausbesuche mein Handy benutzen zu müssen. Das war mir sehr wichtig, denn ich möchte den Familien mit Respekt begegnen und nicht als erstes mein Handy zücken.

Was diese zwei Wochen besonders gemacht hat, war die Struktur und Disziplin der Arbeit, und gleichzeitig das große Engagement der Mitarbeitenden. Der Tag begann pünktlich um 7:30 Uhr mit einem Gebet zusammen mit allen Caritas-Mitarbeitenden und endete offiziell um 15:30 Uhr, wieder mit einem Gebet. In der Praxis kamen wir jedoch oft erst gegen 16 oder 17 Uhr aus den Dörfern zurück. Trotz der klaren Tagesstruktur war die Bereitschaft, länger zu bleiben und die Arbeit wirklich zu Ende zu bringen, überall spürbar. Die intensiven Tage und die gute Organisation haben die Arbeit sehr fordernd, aber auch unglaublich lehrreich gemacht. Es war eine ganz andere Art von Arbeit, als alles, was ich bisher erlebt habe.

Diese zwei Wochen bei der Caritas waren einfach unglaublich. Ich habe erlebt, wie stark, widerstandsfähig und lebensfroh die Menschen hier sind und wie viel wir voneinander lernen können, wenn wir offen und aufmerksam miteinander umgehen. Ich bin dem Team sehr dankbar, dass sie mich überall mitgenommen haben und ich so viel lernen durfte. Ihre Arbeit hier ist unglaublich wichtig und bewirkt so viel für die Familien vor Ort.

 

Angels Home

Nach meinem Praktikum bei der Caritas ging es für mich zurück ins Angels Home. Obwohl ich die Kinder während der zwei Wochen fast jeden Tag nach der Arbeit besucht habe, war es schön, wieder richtig bei ihnen zu sein. Mein Arbeitsalltag hat sich inzwischen verändert, da viele Kinder mittlerweile in der Schule und aktuell nur noch acht Kinder hier im Waisenhaus sind. Meine Aufgaben haben sich dadurch deutlich verringert, und durch die Unterstützung der Schwestern und Betreuerinnen werde ich weniger gebraucht als am Anfang.

Trotzdem habe ich natürlich Beschäftigungen und Aufgaben gesucht, damit der Tag trotzdem toll wird. Gemeinsam haben wir eine Trommel gebaut und die Spielsachen immer weiter ausprobiert. Ich habe immer wieder neue Möglichkeiten getestet und gemerkt, wie schnell die Kinder überfordert, aber gleichzeitig unglaublich dankbar und voller Freude sein können. Ich muss ihnen nur noch beibringen, dass die Bauklötze nicht unbedingt dazu da sind, mir sie ins Gesicht zu schmeißen😂😂. Ansonsten läuft es mit den neuen Sachen überraschend gut. Besonders toll sind auch die bunten Windeln, die den Kindern große Freude machen, wenn sie damit durch den Hof flitzen. Es ist eine große Bereicherung für alle.

 

Mwanza und Katoke Seminar Trip

Während des Zwischenseminars im Januar hatte ich die Möglichkeit, andere Freiwillige kennenzulernen. Also besuchte ich Ende Februar Loana und Lennart in Mwanza. Sie wohnen dort und arbeiten in einem Krankenhaus sowie in einer NGO, in die Mütter mit ihren kranken Kindern kommen. Es war spannend, ihr Leben kennenzulernen, das sich in vieler Hinsicht von meinem hier unterscheidet. Der größte Unterschied ist die Umgebung. Während sie nur etwa 20 Minuten in die zweitgrößte Stadt Tansanias brauchen und Zugang zu vielem haben, zum Beispiel europäischem Essen, großen Supermärkten oder bekannten Marken, brauche ich rund acht Stunden bis in eine größere Stadt.

Auch die Wohnsituation ist anders. Wir leben in einem großen, eher europäisch geprägten Haus, während sie in einem kleinen Haus wohnen, oft ohne Strom und fließendes Wasser, über einer Feuerstelle kochen und mit einem Eimer duschen. Für mich war es unglaublich bereichernd, alles einmal aus nächster Nähe zu sehen. Loana hat mir außerdem viele Ecken der Stadt gezeigt, die man als normaler Tourist wahrscheinlich nie entdecken würde. Wir hatten eine wunderschöne Zeit und einen sehr guten Austausch.

Auf dem Rückweg nach Rulenge ging es wieder ins Katoke Seminar, das Jungsinternat, diesmal für drei Tage. Ich durfte wieder Englisch unterrichten, die Schüler hatten viele Fragen, und ich konnte tolle Gespräche mit den Lehrern führen, die sehr interessiert an meinem Leben in Deutschland, dem Schulsystem und vielem mehr waren. Die großen Unterschiede sind mir da wieder besonders bewusst geworden.

Drei Seminaristen aus Rulenge arbeiten jetzt auch dort, und es war schön, sie wiederzusehen und gemeinsam mit ihnen, den anderen Fratelli und Schwestern Zeit zu verbringen. Ich habe am straffen Seminaralltag teilgenommen, mit der Messe morgens um 5:30 Uhr, dem Schultag und dem Abendgebet um 22:30 Uhr. Für mich war das aber auch ein Ort, um zur Ruhe zu kommen und komplett abzuschalten, gerade weil es dort kaum Internet gibt.

Die Reisen selbst waren natürlich wieder voller Abenteuer, aber auch total lustig. Die Busfahrten sind für sich schon ein Erlebnis, auf dem ich mit vielen großartigen Leuten sprechen und neue Musik entdeckt habe. Auf dem Rückweg vom Katoke Seminar bin ich schließlich mit meiner Freundin Rose, die Busschaffnerin ist, zurückgefahren, was die Fahrt noch lustiger gemacht hat.

 

Was sonst noch so los war in Rulenge

Abseits der Arbeit gab es in Rulenge wieder so viele schöne Momente: Abende im Konvent mit den Schwestern, darunter auch die Mother General, gehören immer zu den Highlights. Die Gespräche mit allen sind unglaublich bereichernd und schön.

Auch das Kochen mit meinen Freundinnen hat sehr viel Spaß gemacht. Wir haben gemeinsam Pilau mit Fleisch zubereitet, zusammen getanzt und einfach die Zeit miteinander genossen. Generell habe ich viel Zeit mit meinen Freunden aus dem Dorf verbracht, sei es einfach treffen, reden, deutsch beibringen oder Nachmittage und Abenden im Barikiwa, wo viele meiner Freundinnen arbeiten. 

Besonders schön war auch die Zeit mit den Seminaristen. Wir haben gemeinsam kranke im Krankenhaus besucht und mit ihnen gebetet und dann die Kinder im Angels Home besucht. Es macht einfach Freude, gemeinsam unterwegs zu sein und zu sehen, wie wir alle zusammenarbeiten und zusammengehören.

Außerdem haben wir den Geburtstag meiner Mentorin gemeinsam gefeiert, was ein sehr lustiger Abend war. 

 

Also wie immer ein total toller Monat und wieder ganz anders als alle vorherigen. Ich kann es nur wiederholen, wie unglaublich glücklich ich hier bin und wie dankbar ich für alle Erfahrungen bin.

Seit ein paar Tagen arbeite ich jetzt im Krankenhaus, um eine weitere Arbeitsstelle kennenzulernen und ich glaube, das ist bisher der allerbeste Ort, den ich kennenlernen durfte. Es ist ein ganz anderes Lernen, als ich es bisherkannte, meine Mitmenschen sind unglaublich toll, die Arbeit bereichert mich total und es macht mir total viel Spaß. So sehr, dass sie auch meine Studienentscheidungen nach dem WFD weiter in eine andere Richtung lenkt. Aber dazu im nächsten Blog mehr.😉

Bleibt gesund, passt auf euch auf, genießt das schöne Wetter und fühlt euch alle ganz doll gedrückt.😘

Liebste Grüße aus dem jetzt gerade warmen Tansania❤️

 

 

Kommentare

4 Antworten zu „10. Ein halbes Jahr in Tansania“

  1. Avatar von marionparsch

    Wieder so ein berührender und lebensfroher Bericht. Danke Johanna. Es ist einfach mitreißend, wieviel Lebensfreude Du ausstrahlst.

    Liebe Grüße Marion

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    1. Avatar von jzoellerka
      jzoellerka

      Vielen herzlichen Dank für deine lieben Worte!

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  2. Avatar von loudlychief2c32b18620
    loudlychief2c32b18620

    Liebe Joana, es ist faszinierend an wieviel verschiedenen Orten du im Einsatz bist und wie offen und liebevoll du auf alle und alles schaust. Du bist ein Geschenk für die Menschen, denen du begegnest.

    Viel Freude weiterhin wünsche ich dir, Roswitha

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    1. Avatar von jzoellerka
      jzoellerka

      Tausend Dank!!!! Ich weiß das sehr zu schätzen und das bedeutet mir unglaublich viel

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