Man denkt immer an die Ankunft. An das Kribbeln vor dem Abflug. An die Aufregung, wenn etwas Neues beginnt. Aber niemand bereitet einen auf den Moment vor, in dem alles wieder endet.
Niemand erzählt dir, wie es sich anfühlt, wenn aus einem Ort ein Zuhause wird. Wenn Menschen, die einmal fremd waren, zu Familie werden. Wenn du irgendwann merkst, dass du nicht mehr dieselbe Person bist, die damals ins Flugzeug gestiegen ist.
Und noch viel weniger redet jemand darüber, wie es sich anfühlt, ein Zuhause zu verlassen, dass du gerade erst gefunden hast.
Nicht nur ein Land. Nicht nur einen Ort. Sondern ein Leben, das sich irgendwann so vertraut angefühlt hat, dass „Gehen“ sich einfach falsch anfühlt.
Der Abschied trifft einen unerwartet.
Nicht, weil man nicht wusste, dass er kommen würde. Sondern weil man bis zum Schluss hofft, die Zeit würde langsamer vergehen.
Heute ist Blogbeitrag Nummer 15. Und zum ersten Mal weiß ich nicht, wie ich die richtigen Worte finden soll.
Zum ersten Mal schreibe ich euch nicht davon, was ich erlebt habe, was mich glücklich gemacht hat oder dass ich immer noch genauso glücklich bin wie an Tag 1.
Ich habe euch immer ehrlich mitgenommen. Ich habe erzählt, wenn ich Angst hatte. Wenn etwas schwierig war. Wenn ich krank war oder wenn es Momente gab, die mich herausgefordert haben. Aber trotzdem konnte ich euch immer sagen: Mir geht es gut. Ich bin unglaublich glücklich. Die schönen Momente sind größer als alles andere.
Doch dieses Mal ist es anders.
Dieses Mal überwiegt die Traurigkeit.
Und die Wahrheit ist: Mir geht es nicht gut.
Ich habe Schmerzen. Ich bin unendlich traurig. Es fühlt sich an, als würde mir jemand mein Herz aus der Brust reißen und ich komme diesem Schmerz nicht hinterher.
Ich kann euch gerade nicht mehr sagen, dass es mir genauso fantastisch gut geht wie am Anfang. Nicht, weil dieses Land weniger schön geworden ist. Nicht, weil die Zeit weniger wertvoll geworden ist. Sondern genau, weil sie so unglaublich schön war.
Jeder vergangene Tag tut weh, weil er ein Tag weniger ist. Jede Stunde bringt den Moment näher, vor dem ich mich so lange gefürchtet habe.
Mir fehlen einfach die Worte. Weil es für das, was ich gerade fühle, gar keine gibt.
Alle sagen: „Man muss aufhören, wenn es am schönsten ist.“
Aber niemand erzählt einem, dass man irgendwann anfängt, die Tage rückwärts zu zählen. Dass jeder Abend schwerer wird als der davor. Dass man weinend einschläft, weil die Zeit unaufhaltsam weniger wird.
Die letzten Wochen waren wie ein Countdown. Mit jedem Tag wurde mir bewusster, dass alles, was zur Normalität geworden war, zum letzten Mal passieren würde.
Der letzte Weg. Der letzte Sonnenuntergang. Die letzte Messe. Die letzte Umarmung. Das letzte Mal Wäsche waschen. Die letzte Busfahrt. Der letzte Arbeitstag. Das letzte Abendessen bei meinen tansanischen Eltern. Der letzte Marktbesuch.
Mein Verständnis von „selbstverständlich“ hat sich in diesem Jahr komplett verändert.
Ich habe immer geschrieben, was in Deutschland für mich selbstverständlich war: große Supermärkte, Möglichkeit auf alles und immer, fließend warmes Wasser, Strom, Netz, eine Waschmaschine, saubere Kleidung.
Und plötzlich wurde all das relativ.
Hier wurde anderes selbstverständlich.
Wäsche mit der Hand waschen. Mit einer Taschenlampe kochen. Über Feuer kochen. Wasser sparen. Aus Eimern duschen.
Dankbar sein für drei Mahlzeiten am Tag. Dankbar sein für Licht und Strom. Dankbar sein für das was da ist.
Und genauso selbstverständlich war die Art, wie Menschen miteinander umgingen. Man grüßte sich. Man nahm sich Zeit füreinander. Man teilte, auch wenn man selbst nicht viel hatte. Man half, ohne zu zögern. Man feierte gemeinsam. Man lachte miteinander. Man begegnete sich mit Offenheit und Herzlichkeit, die mich jeden Tag aufs Neue berührt hat.
Und irgendwo dazwischen habe ich verstanden, wie wenig man eigentlich braucht, um wirklich zu leben. Um glücklich zu sein.
319 Tage.
319 Tage durfte ich hier ICH sein.
100%.
Jeden einzelnen Tag.
Tansania hat mich innerlich geheilt. Ich habe verarbeitet. Ich habe verstanden. Ich habe losgelassen und gleichzeitig so viel festgehalten.
11 Monate.
11 Monate durfte ich in diesem wunderschönen, atemberaubenden Land leben.
Aber „leben“ ist eigentlich viel zu klein für das, was es wirklich war. Oder ist genau das Leben? Vielleicht fühlt sich Leben genau so an. Und trotzdem war es für mich so viel größer, als dieses eine Wort jemals beschreiben könnte.
Ich durfte lachen bis ich Bauchschmerzen hatte. Ich durfte weinen. Ich durfte laut sein. Ich durfte energievoll sein. Ich durfte hinfallen und wieder aufstehen. Ich durfte mit Schwestern zum Beten in die Dörfer fahren. Ich durfte Kinder füttern und ihnen beim waschen helfen. Ich durfte am Operationstisch im Krankenhaus stehen. Ich durfte bei der medizinischer Versorgung in armen Haushalten mithelfen. Ich durfte lernen. Ich durfte Fehler machen. Entdecken. Erleben. Reisen. Meine Augen öffnen. Lieben.
Ich durfte wachsen.
Ich durfte Seiten in mir ausleben, die ich vorher nicht kannte oder sie vorher einfach nie wirklich leben durfte.
Und jetzt habe ich plötzlich Angst, dass ich genau diese Seiten wieder verstecken muss. Die Seiten, die mich so unfassbar glücklich gemacht haben.
Ich habe Menschen getroffen, die mein Leben für immer verändert haben.
Ich habe ein Zuhause gefunden, ohne es gesucht zu haben.
Vor 11 Monaten kam Johanna nach Tansania.
Johanna hatte Pläne. Eine Richtung. Eine Vorstellung davon, wie das Leben nach dem Freiwilligendienst aussehen sollte: internationale Arbeit studieren, reisen, danach Entwicklungsarbeit.
Johanna wollte die Welt sehen. Joana hat in diesem Jahr gelernt, sie zu fühlen.
Jetzt fliegt nicht mehr Johanna zurück. Jetzt fliegt Joana nach Deutschland.
Zwischen diesen beiden Namen liegen keine 11 Monate.
Dazwischen liegt ein ganzes Leben.
Joana kehrt mit einem Studienplatz in der Medizin zurück.
Nicht, weil es immer so geplant war.
Sondern weil das Leben einem manchmal Menschen schenkt, die zu den besondersten und wichtigsten werden, und die dir einfach eine einzige Frage stellen, die alles verändert.
Ich habe hier gelernt zu lieben. Und ich habe gespürt, geliebt zu werden.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum dieser Abschied so weh tut.
Es tut weh, wenn der Chefarzt des Krankenhauses dir sagt, dass er von deiner Arbeit sehr beeindruckt ist, du einen großartigen Job machst und er dich am liebsten sofort fest einstellen würde.
Es tut weh, wenn ein Krankenpfleger, der seit 15 Jahren dort arbeitet, zu dir kommt und sagt, dass die Monate mit dir die schönsten jemals waren, weil du ihm jeden Tag mit einem Lächeln begegnet bist und den Alltag immer besser gemacht hast.
Es tut weh, wenn dein Mentor dir sagt, wie stolz er darauf ist, wie du dieses Jahr gemeistert hast, und dass er dich am liebsten für immer dort behalten würde.
Es tut weh, wenn deine heutige beste Freundin dir erzählt, dass sie noch nie eine beste Freundin hatte und nicht weiß, was sie ohne dich machen soll.
Es tut weh, wenn die Schwestern dir sagen, dass sie dich vermissen werden, weil du sie jeden Tag mit deinem Lächeln angesteckt hast und sie durch dich so viel über die Welt lernen konnten. Weil du nie einfach vorbeigegangen bist, sondern immer Zeit hattest, alle zu begrüßen. Und wenn jemand krank war, standest du mit einer Mahlzeit vor der Tür.
Es tut weh, sich von Menschen verabschieden zu müssen, obwohl man weiß, dass man den Kontakt nicht aufrechterhalten kann, weil sie sich kein Smartphone leisten können und nur eine tansanische Telefonnummer haben.
Es tut weh, wenn deine tansanische Mama dich in den Arm nimmt und sagt, dass sie noch nie einem so besonderen Menschen begegnet ist und nun ihre Tochter gehen lassen muss, damit sie zu ihrer richtigen Mama zurückkehren kann.
Es tut weh, wenn bei jeder Begegnung dich die Leute fragen: „Aber wieso musst du denn schon zurück? Bleib doch einfach hier, wir sind doch gute Leute, wir passen auf dich auf. Hier geht’s dir doch so gut, bleib doch einfach da, wir können dich hier doch gebrauchen.“
Es tut weh, wenn ein vierjähriges Kind weinend zu dir kommt, sich an dich klammert und sagt, dass es dich liebt. Dass es dich vermissen wird. Dass es ohne dich nicht mehr so viel lachen wird. Und dich dann bittet: „Dada (Schwester) Joana, versprich mir, dass du mich nicht vergisst. Versprich mir, dass du zurückkommst.“
Es tut weh, ein zwölfjähriges Mädchen zurückzulassen, das dir sagt, dass sie durch dich Englisch gelernt hat, weil ihr jeden Tag gemeinsam geübt habt und sie dadurch jetzt eine echte Chance hat, zur Secondary Schule gehen zu können.
Es tut weh, wenn ein fünfjähriger zu dir kommt, dir dafür dankt, dass du ihn nie geschlagen hast, wenn er den Teller nicht aufgegessen hat und nicht will dass du ihn ab jetzt alleine beim Essen lässt.
Es tut weh, wenn die Oberin zu dir kommt und dir sagt: „ich habe die Kinder noch so viel lachen sehen, wie mit dir. Sogar beim Duschen hatten sie Spaß und haben es freiwillig gemacht. Musst du denn wirklich schon zurück nach Deutschland?“
Und auch wenn damit mein größtes Ziel erreicht wurde, die Kinder zum Lachen zu bringen, ihnen eine schöne Zeit zu schenken und ihnen zu zeigen, dass es auch ohne Gewalt geht, tut es jetzt nur noch mehr weh, sie verlassen zu müssen.
Vielleicht ist genau das das Schönste und gleichzeitig das Schmerzhafteste an diesem Jahr: zu wissen, dass man Spuren hinterlässt und selbst trotzdem weitergehen muss.
Allerdings weiß ich nicht, wie es jetzt weitergeht.
Und ich muss und kann das auch nicht sofort wissen.
Denn ich kann nicht einfach dort weitermachen, wo ich vor 319 Tagen aufgehört habe. Ich kann nicht so weiterleben, wie ich die 18 Jahre davor gelebt habe.
Dieses Jahr hat alles verändert.
Ich würde so gerne alles erzählen. Alles teilen. Alles erklären.
Aber im Moment fehlen mir einfach die Worte.
Ich brauche Zeit.
Zeit, um mich vollständig zu verabschieden
Zeit, um anzukommen.
Zeit, um zu verstehen.
Zeit, um all das zu verarbeiten.
Tansania hat mich verändert. Es hat mich zu einem besseren Menschen gemacht.
Ich habe hier etwas gefunden, wonach ich gar nicht gesucht habe.
Und ich muss ein Zuhause verlassen, um in ein anderes Zuhause zurückzukehren.
11 Monate, 45 Wochen, 319 Tage, 7.656 Stunden, 459.360 Minuten, 27.561.600 Sekunden, in denen ich ICH sein durfte.
Und ich glaube das ist das größte Geschenk, das mir dieses Land je hätte geben können.
Deshalb ist das hier auch kein „Auf Wiedersehen, Tansania“.
Es ist ein: Bis wir uns wiedersehen.
Ich komme zurück!!! Das verspreche ich zu 10000000%
Eine Millionen Mal Danke für alles.
Asante sana Tanzania. Nakupenda milele milele❤️🇹🇿
In Liebe,
Joana❤️


















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