9. Raus aus der Komfortzone, rein ins Leben. Meine größten Learnings bisher

Hallo ihr Lieben, heute gibt es mal wieder einen etwas anderen Blogpost. Ich möchte mit euch meine größten Learnings teilen, die ich gemacht habe, seitdem ich in Tansania lebe.

Alles, was ich hier teile, sind keine allgemeinen Fakten, sondern meine ganz persönlichen Erfahrungen, Eindrücke und Gedanken. Ich spreche nur für mich und meinen Alltag hier in Tansania.

Seit ich hier lebe, denke ich viel über meinen Alltag nach, über das, was ich wirklich brauche, und darüber, wie sehr meine Sicht auf die Welt von dem geprägt ist, wo ich herkomme. Vieles erschien mir früher selbstverständlich, ohne dass ich es je hinterfragt habe. Genau diese Denkweise verändert sich hier. Nicht in einem einzigen Moment, sondern Schritt für Schritt, durch Beobachtungen, Gespräche und kleine Situationen im Alltag, durch Perspektivwechsel, die manchmal ganz im Unterbewussten beginnen und dann plötzlich sehr präsent werden.

Ich lerne Stück für Stück die westliche Brille, mit der ich durch die Welt gehe, abzulegen.

Weniger haben, mehr wertschätzen, mehr leben

Eines der Dinge, die mich hier besonders beschäftigen, ist unser Verhältnis zu Besitz, Konsum und ständiger Verfügbarkeit. In Deutschland war es für mich völlig normal, zwischen unzähligen Produkten und Marken zu wählen. Die Supermarktregale sind voller Optionen, es gibt ständig Neues und ständig mehr.

Hier gibt es oft eine einzige Marke. Und davon sehr viel.
Und irgendwann merkt man; es reicht.

Dabei geht es nicht um Verzicht, sondern um Wertschätzung.

Das zeigt mir die Mango-Saison ganz besonders. Wenn die Saison da ist, dann sind Mangos überall zu finden. Alle freuen sich und genießen sie bewusst, weil klar ist, dass es sie nur für eine begrenzte Zeit gibt. Und wenn die Saison vorbei ist, dann gibt es eben keine Mangos mehr. Kein Drama, kein Ersatz, kein Import. Man freut sich über andere Dinge und irgendwann wieder über die nächste Mango-Saison.

Das hat mir gezeigt, wie sehr wir an ständige Verfügbarkeit gewöhnt sind und wie wenig wir Dinge manchmal noch wirklich genießen, gerade weil sie immer da sind.

Das heißt nicht, dass ich hier alles romantisiere oder so tue, als wäre hier alles leicht. Das ist es nicht. Aber ich merke, wie absurd viel ich in Deutschland besessen habe und wie oft ich dachte, ich bräuchte Dinge, die mich am Ende gar nicht glücklicher gemacht haben. Weniger Auswahl, weniger Konsum und weniger ständige Verfügbarkeit nehmen mir hier nichts weg. Im Gegenteil. Ich nehme Dinge bewusster wahr und genieße, was gerade da ist.

„Wenn du deine Sicht auf die Dinge änderst, verändern sich auch die Dinge, die du siehst.“ – Wayne Dyer

Miteinander statt nebeneinander

Was mich hier besonders berührt, ist die Art, wie Menschen miteinander umgehen. Man begrüßt sich ganz selbstverständlich, schaut sich an, lächelt, fragt nach. Man wird gesehen.

Niemand läuft hier mit Kopfhörern durch den Alltag. Wenn Musik läuft, dann für alle. Man ist präsenter, ansprechbarer und mehr miteinander verbunden. Für mich fühlt sich das oft ungewohnt an, aber gleichzeitig unglaublich nah und warm.

Gastfreundschaft ist hier nichts Besonderes, sie ist einfach da. Und zwar immer 100% echt! Hier ist es ganz normal, dass man sich gegenseitig einlädt, dass Essen, Zeit und Geld miteinander geteilt werden und dass das alles ohne viel Nachdenken passiert. Auch wenn sie schon wenig haben, teilen sie das, was sie noch haben. Unterstützung ist hier nicht einfach nur ein leeres Wort, sondern gelebter Alltag! Auch ich erlebe das hier jeden Tag: Ich werde sehr oft einfach überall mithingenommen und darf teilhaben an Familien, Gesprächen und am tagtäglichen Leben. Ich gehöre einfach dazu, ohne etwas leisten oder beweisen zu müssen. Dieses Miteinander hat mir gezeigt, wie sehr mein Alltag in Deutschland von Individualismus geprägt war, ohne dass ich mir dessen früher bewusst war.

Sprache

Ein Punkt, der mich weiterhin besonders fasziniert, ist die Sprache. Kiswahili hat mir gezeigt, wie viel Werte, Haltung und Denken in Worten stecken können.

Im Deutschen oder Englischen, sage ich „Danke“, dann antwortet mein Gegenüber mit „Bitte“.

Im Kiswahili sage ich „Danke“ und mein Gegenüber sagt: „Danke, dass du dich bedankst“

Der Unterschied wirkt auf den ersten Blick vielleicht klein, aber ich finde er sagt unglaublich viel über gegenseitige Wertschätzung aus.

Und sobald ich Kiswahili spreche, passiert etwas bei den Menschen: Türen öffnen sich, Menschen lachen, helfen sofort, nehmen mich mit. Nicht, weil ich perfekt spreche, sondern weil ich es versuche, und das freut alle immer sofort. Mich natürlich mit am meisten.

Und sogar meine Fehler sorgen für Freude, wenn ich aus Versehen erzähle, ich hätte mich in Ziegen verliebt oder sage, ich hätte heute zum Mittagessen das Caritas-Büro gegessen.😂

Vielfalt statt Einheitsbild

Ein weiteres großes Learning für mich ist die unglaubliche Vielfalt. Afrika wird oft als ein Land wahrgenommen, dabei ist es ein Kontinent mit 54 Ländern, tausenden Kulturen und über 3.000 Sprachen.

Allein Tansania vereint über 100 Sprachen und mehr als 130 ethnische Gruppen. Innerhalb eines einzigen Landes wechseln Landschaften, Traditionen und Lebensweisen ständig, was mir besonders auf der Safari noch einmal bewusst geworden ist.

Deshalb stören mich Fragen wie „Na, wie ist es da unten in Afrika so?“ Ich würde schließlich auch nie fragen: „Wie ist es da oben in Europa so?“

Häufig gehen wir von „einem homogenen Afrika“ aus oder sagen Dinge, wie „Das ist typisch Afrika“. Jedoch ist hier wirklich nichts homogen und ganz besonders: nichts ist typisch Afrika. Afrika ist wahrscheinlich sogar der vielfältigste Kontinent überhaupt und das gerät leider schnell in Vergessenheit. Diese Vielfalt hier zu erleben, hat mir gezeigt, wie sehr vereinfachte Bilder unsere Wahrnehmung prägen und wie wichtig es ist, sie immer wieder zu hinterfragen.

„Wir sehen die Dinge nicht so, wie sie sind, sondern so, wie wir sind.“ – Anaïs Nin

Vorurteile gegenüber des Weltfreiwilligendienstes

Im Laufe meines Freiwilligendienstes bin ich immer wieder mit Vorurteilen konfrontiert worden, z.B. dass ich hier bin, um zu helfen, Probleme zu lösen oder etwas zu retten. Das entspricht aber nicht meiner Realität.

Ich arbeite mit Menschen, nicht für sie. Die Projekte werden seit Jahren von den Menschen vor Ort getragen. Meine Rolle ist es zuzuhören, zu unterstützen und mitzuarbeiten, wo ich kann und vor allem zu lernen, und nicht zu belehren oder über jemandem zu stehen. Als ich neulich eine Schwester fragte, ob ich noch eine andere Arbeitsstelle kennenlernen darf, sagte sie zu mir: „Joana, geh raus, entdecke alles und lerne.“ Genau darum geht es!

Ich bringe meine Perspektive und mein Wissen ein, aber ich kann keine Systeme verändern. Echte, nachhaltige Veränderung braucht Zeit und ist nicht die Aufgabe eines/r Freiwilligen. Das zu akzeptieren war und ist ebenfalls eines meiner größten Learnings.

Abschluss Gedankenanstoß

Wenn ich zum Schluss noch einen Gedanken loswerden darf, dann diesen: Vielleicht lohnt es sich, öfter bewusst die eigene westliche Brille abzusetzen. Nicht um alles zu idealisieren oder zu romantisieren, sondern um zu merken, wie sehr unsere Sicht auf die Welt von dem geprägt ist, was wir kennen und wie oft wir unsere westlichen Ideen anderen Kulturen „überstülpen“ wollen, ohne zu merken, dass das gar nicht angebracht ist. Ausländer:innen in Deutschland würden ja auch nicht einfach hergehen und sagen: „Wir machen das jetzt so wie in meinem Heimatland.“ Kulturen und Systeme sind verschieden und das ist auch gut so!

Ich lerne gerade, geduldiger zu sein, weniger zu bewerten, dankbar zu sein und die kleinen Dinge bewusster wahrzunehmen. Ich merke, wie sehr Gewohnheiten und Erwartungen unsere Wahrnehmung bestimmen und wie befreiend es sein kann, manches loszulassen. Nicht alles muss schnell gehen. Nicht alles muss nach Plan laufen. Nicht alles muss optimiert werden. Nicht alles muss perfekt sein. Nicht alles muss so sein, wie wir es gewohnt sind.

Mich berührt immer wieder, wie selbstverständlich hier geteilt, unterstützt und miteinander gelebt wird. Das hinterfragt meine eigene Vorstellung von Glück und dem, was wirklich zählt, und hilft mir, die kleinen Momente wieder mehr zu genießen.

Vielleicht könnt ihr davon etwas mit in euren Alltag nehmen. Ein Lächeln am Morgen, ein netter Gruß, eine herzliche Einladung. Es kostet nichts, aber macht unglaublich glücklich!!

Ganz liebe Grüße aus Tansania❤️

Joana

„Die kleinste Veränderung der Perspektive kann ein ganzes Leben verändern.“ Oprah Winfrey

Kommentare

7 Antworten zu „9. Raus aus der Komfortzone, rein ins Leben. Meine größten Learnings bisher“

  1. Avatar von marionparsch

    Hallo Johanna,

    wie schön, dass Du diese ganzen neuen Erfahrungen so wertschätzen kannst. Genau die gleichen Gedanken und Einsichten hatte Daggis Pflegesohn Florian in Togo gemacht, der dort ein Freiwilligenjahr absolvierte. Auch wenn Togo nicht Tansania ist, aber Gastfreundschaft wird auch da groß geschrieben und die Menschen sind zufriedener als wir in Deutschland, wo wir im Überfluss leben.

    Weiterhin schöne Erfahrungen wünscht Dir

    Marion

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    1. Avatar von jzoellerka
      jzoellerka

      Vielen vielen Dank für deine liebe Nachricht!! Das weiß ich sehr zu schätzen

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  2. Avatar von
    Anonymous

    Liebe Hanni,

    was für ein toller Blogeintrag. Wie differenziert du die Unterschiede betrachtest und wie gut du immer wieder deine Rolle dort reflektierst, das gefällt mir richtig gut. Ich lese deine Achtsamkeit in deinem Blick und deinem Tun, wie Sensibel du agierst und mit wirkst. So darfst du all diese Erfahrungen machen, die dich so beschenken! Danke fürs Teilen und uns Teilhaben lassen!

    Deine Mum 😘

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    1. Avatar von jzoellerka
      jzoellerka

      Danke danke danke, das weiß ich so sehr zu schätzen. Deine Worte bedeuteten mir sehr viel!!

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  3. Avatar von
    Anonymous

    Hallo Johanna, ich bin eine Netzwerk-Kollegin von Sylvia und stürze mich immer gleich auf die Links zu Deinen Berichten. Anti-Bias und interkulturelles Lernen gehören zu meinen Herzensthemen in meinem Beruf als Fachberatung… Ich bin total beeindruckt von deinem differenzierten und kritischen Blick auf unsere westliche Sicht und wünsche Dir noch ganz viel wertvolle und glückliche Momente in Tansania… LG aus Mannheim Steffi

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  4. Avatar von loudlychief2c32b18620
    loudlychief2c32b18620

    Liebe Joana,

    deine Perspektiven zu Afrika sind so interessant, aber auch so gut nachzuvollziehen, weil du so lebendig und beispielhaft erzählst.

    Könntest du dir nicht vorstellen, all deine „Briefe“ an uns in einem Buch zusammenzufassen. Das wäre spannend und hilfreich für so manchen, der auch gerne in den Freiwilligendienst nach Afrika gehen möchte.

    Habe weiterhin so offene Augen, Hände und ein so großes Herz ♥️.

    Liebe Grüße von Roswitha 🌺

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    1. Avatar von jzoellerka
      jzoellerka

      Vielen vielen Dank!
      Ja das kann ich sehr gerne mal machen, wenn ich die Zeit dafür finde 🙂

      Tausend Dank!

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