Hallo meine Lieben, ich hoffe, es geht euch gut. Der März ist wie im Flug vergangen und ich kann kaum glauben, dass schon April ist. Es war so viel los, sodass ich nicht dazugekommen bin den Bericht zu schreiben. Aber jetzt!
Mein Monat hat mit etwas ganz Tollem begonnen, ich habe nämlich im Krankenhaus angefangen zu arbeiten.
Arbeit im Krankenhaus
Am Anfang war ich ehrlich gesagt ziemlich überfordert. So viele neue Abläufe, unzählige Eindrücke, neue Namen und Fachbegriffe. Dabei war gar nicht Kiswahili das Problem, sondern vor allem die vielen medizinischen Fachbegriffe auf Englisch, die hier im Alltag verwendet werden. Google und der Übersetzer wurden schnell zu meinen besten Freunden. 😅
Schon nach dem ersten Tag habe ich gemerkt, wie viel Freude mir die Arbeit macht.
In nur wenigen Wochen durfte ich schon sehr viel machen. Ich bin bei Visiten im stationären Bereich mitgegangen, habe Vitalwerte gemessen, Diagnosen in der Ambulanz begleitet und die Notaufnahme kennengelernt. Ich habe bei Blutabnahmen und Infusionen assistiert, Patientinnen und Patienten zum Ultraschall und Röntgen begleitet, sie von der Ambulanz auf die Station gebracht und Betten vorbereitet.
Auch im Hintergrund war ich von Anfang an eingebunden: Ich habe Akten digitalisiert, Medikamentenschränke aufgefüllt, Informationen weitergegeben, Laborproben vorbereitet und transportiert sowie Medikamentenpläne überprüft. So konnte ich die Abläufe im Krankenhausalltag intensiv kennenlernen.
Besonders prägend waren die Operationen. Ich durfte viele Eingriffe miterleben, zum Beispiel Kaiserschnitte, Blinddarmentfernungen sowie Operationen bei Darmverschluss oder Knochenbrüchen. Auch außergewöhnliche Fälle wie die Entfernung von Fremdkörpern, etwa Stöcken oder Nägeln nach Feldunfällen, habe ich gesehen. Dazu kamen Zystenentfernungen, kleinere Eingriffe und die Wundversorgung. Diese Erfahrungen haben mich tief beeindruckt.
In kurzer Zeit habe ich ein breites Spektrum an Krankheitsbildern kennengelernt: von Infektionskrankheiten wie Malaria, Typhus, Tetanus, Hepatitis oder HIV über Mangelernährung, Grippe sowie Pilz- und Hautinfektionen bis hin zu akuten Notfällen wie Sepsis, Schlaganfall, Herzinfarkt oder Verbrennungen. Auch chronische und seltenere Erkrankungen wie Gicht, Sichelzellanämie, Brustkrebs oder neurologische Erkrankungen sowie alltägliche Fälle wie Schwangerschaften oder Lungenentzündungen gehören dazu.
Was mich am meisten bewegt, ist die Art und Weise, wie hier gearbeitet wird, oft unter Bedingungen, die wir uns in Deutschland kaum vorstellen können. Es fehlt an vielem, was für uns selbstverständlich ist. Diagnostische Möglichkeiten und Materialien sind begrenzt, häufig gibt es kein funktionierendes Internet. Entscheidungen müssen daher oft auf Basis weniger Informationen getroffen werden.
Gerade dabei habe ich vielleicht das Wichtigste gelernt: Medizin bedeutet nicht nur Technik und perfekte Bedingungen, sondern vor allem, mit dem zu arbeiten, was vorhanden ist, genau hinzuschauen, zuzuhören und Verantwortung zu übernehmen.
Die Ärzte und das Pflegepersonal leisten hier jeden Tag Unglaubliches, mit großer Fachlichkeit, Kreativität und Menschlichkeit. Ich habe großen Respekt vor ihrer Arbeit und gelernt, wie wichtig es ist, den Menschen hinter der Krankheit zu sehen, zuzuhören, Ruhe auszustrahlen und Vertrauen zu geben.
Besonders beeindruckt hat mich auch die Zusammenarbeit im Team. Es gibt keine ausgeprägten Hierarchien zwischen Ärzten und Pflegekräften, sondern ein gemeinsames, unterstützendes Arbeiten. Die Atmosphäre ist geprägt von Herzlichkeit, Humor und Respekt. Trotz aller Herausforderungen wird viel gelacht und der oft fordernde Alltag gemeinsam bewältigt.
Von Anfang an durfte ich Aufgaben übernehmen, aktiv mitarbeiten und jederzeit Fragen stellen. Je länger ich dort bin, desto mehr darf ich selbst ausprobieren, zum Beispiel Anamnesegespräche führen, natürlich immer mit einem Arzt direkt an meiner Seite.
Das Krankenhaus in Rulenge ist klein und arbeitet mit begrenzten Mitteln, ist aber für die Region erstaunlich gut ausgestattet. Es gibt Operationssäle, Röntgen, Ultraschall, Stationen, eine Notaufnahme und eine gut bestückte Apotheke. Besonders beeindruckend ist, wie sehr sich das Krankenhaus im letzten Jahr entwickelt hat. Früher gab es kaum Räume, Patientinnen und Patienten saßen teilweise auf den Gängen, und es stand nur eine minimale Medikamentenausstattung zur Verfügung. Heute ist alles deutlich besser organisiert, und ich habe das Glück, diese Entwicklung mitzuerleben.
Schon jetzt möchte ich von Herzen Danke sagen an das gesamte Team, das mich so offen aufgenommen hat, mir jeden Tag so viel beibringt und mich immer wieder zum Lachen bringt.
Ein ganz besonderer Dank gilt dem Arzt vor Ort, der diese Zeit für mich zu etwas ganz Einzigartigem macht. Er nimmt sich jeden Tag unglaublich viel Zeit für mich, erklärt alles bis ins kleinste Detail und beantwortet geduldig meine unzähligen Fragen, die meistens mit „Wieso?“, „Warum?“ oder „Hä, aber?“ anfangen. Und trotzdem gibt er mir nie das Gefühl, dass es zu viel ist. Im Gegenteil: Er fordert mich immer wieder heraus, selbst mitzudenken, Zusammenhänge zu verstehen und Dinge wirklich zu begreifen.
Von Anfang an hat er mir vertraut. Ein Vertrauen, das für mich alles bedeutet. Gleichzeitig hat er mich von Beginn an wie eine Kollegin behandelt und mir ziemlich schnell den Namen „Dr. Joana“ gegeben, natürlich mit einem Augenzwinkern. Aber genau das hat mir das Gefühl gegeben, sofort mittendrin zu sein und wirklich dazuzugehören.
Er hat mir ermöglicht, erste praktische Übungen zu machen, zuerst an ihm selbst und später auch an Patientinnen und Patienten, zum Beispiel Blutabnahmen oder Infusionen. Auch mit dem Stethoskop darf ich regelmäßig arbeiten. Zusätzlich stellt er mir seine eigenen Unterlagen und Bücher zur Verfügung, und wir gehen gemeinsam Themen wie Anatomie und Physiologie durch.
Oft sitze ich da und kann kaum glauben, wie viel ich gerade lernen darf. Manchmal fühlt es sich an, als wäre ich schon mitten im Medizinstudium. Aber noch viel mehr als das Wissen ist es das Gefühl, dass man mir etwas zutraut, dass ich ernst genommen werde und ich mich wirklich weiterentwickeln kann.
Durch seine Geduld, sein Vertrauen und seine Herzlichkeit lerne ich nicht nur auswendig, sondern verstehe wirklich, wie alles zusammenhängt. Und genau das macht diese Zeit für mich so besonders.











Leben außerhalb des Krankenhauses
Aber der Monat bestand natürlich nicht nur aus Arbeit, sondern auch aus vielen weiteren wunderschönen Momenten, vor allem aus ganz viel Zeit mit meinen Freunden. Es ist etwas ganz Besonderes, mit ihnen zusammen zu sein, zu quatschen, zu lachen und herumzualbern. Diese Momente bedeuten mir unglaublich viel.
Für ein verlängertes Wochenende bin ich nach Kigali gefahren. Der Unterschied zu Tansania war sofort spürbar: saubere Straßen, eine gut ausgebaute Infrastruktur, Helmpflicht auf Motorrädern, mehr Sicherheit im Straßenverkehr, Linienbusse, Blitzer und sogar wieder Rechtsverkehr. Auch das Bildungssystem wirkt strukturierter und frei von Gewalt. Die Stadt selbst hat mich sehr beeindruckt, und der Kurztrip war eine tolle Erfahrung. Die Gastfreundschaft war dabei genauso herzlich wie in Tansania.









Neben der Arbeit im Krankenhaus gab es viele weitere besondere Momente. Ich habe eine Schwester in ihrem neuen Zuhause in Karagwe besucht und viel Zeit mit den Schwestern in Rulenge verbracht. Auch die Nachmittage und Wochenenden mit den Kindern aus dem Angels Home sind mir sehr wichtig. Ich habe einen wunderschönen, energievollen Palmsonntag erlebt, in meiner Küche weiter experimentiert und viele kleine Alltagsglücksmomente gesammelt. Egal ob im Barikiwa, mit den Seminaristen, bei Freunden zu Hause oder bei Gesprächen auf der Straße, all diese Augenblicke haben diesen Monat für mich so wertvoll gemacht.


















Abschied
Mitte März musste ich mich leider von meiner Mitfreiwilligen verabschieden. Schon länger ging es ihr gesundheitlich nicht gut, sodass sie nach Deutschland zurückkehren musste. Gemeinsam haben wir noch einen Abschlusstrip nach Bukoba gemacht, der mir sehr gut getan hat und zu einer besonderen Erinnerung geworden ist. Wir haben die Stadt erkundet, am Strand gepicknickt und stundenlang über alles gesprochen, was wir hier erlebt haben. Dieses „Weißt du noch, als…“ zog sich durch die ganze Zeit. Es war ein schöner Abschied voller gemeinsamer Erinnerungen.
Der Abschied am Flughafen fiel mir schwer. Jemanden gehen zu lassen, mit dem man über Monate so eng zusammengelebt und alles geteilt hat, ist nicht leicht. Vor unserer Zeit hier kannten wir uns kaum, doch in Tansania sind wir zusammengewachsen. Wir haben viel erlebt, unzählige Gespräche geführt, viel gelacht und uns gegenseitig unterstützt. Natürlich gab es auch schwierige Momente und Streit, aber auch das gehört dazu.








Gedanken & Zukunft
Nach diesem Abschied hatte ich zunächst großen Respekt davor, allein in diesem großen Haus zu wohnen. Im Alltag fühlt sich dieses Alleinsein aber weniger präsent an, als ich gedacht hätte. Durch die Arbeit im Krankenhaus, die Zeit mit Freunden und meine täglichen Aufgaben bin ich viel beschäftigt. Außerdem bekomme ich oft Besuch oder bin selbst unterwegs, sodass ich nie wirklich allein bin.
Und trotzdem gibt es diese Momente, in denen jemand fehlt, der alles sofort versteht, ohne viele Erklärungen. Jemand, mit dem man auf Deutsch sprechen und sich auf eine ganz andere Weise austauschen kann.
Gerade in diesen ruhigeren Momenten habe ich begonnen, mehr über mich selbst und meine Zukunft nachzudenken.
Schon während meiner Zeit im Angels Home habe ich gemerkt, wie mein Interesse für Medizin immer größer wurde. Dort habe ich oft Erste Hilfe geleistet und gespürt, wie viel Freude mir das bereitet.
Der entscheidende Impuls kam durch eine einfache Frage eines Freundes: „Warum studierst du eigentlich nicht Medizin?“
Meine Antwort war klar: „Geht nicht, wegen meines Abischnitts.“
Doch er meinte nur: „Es gibt bestimmt andere Möglichkeiten. Denk darüber nach, du wärst eine sehr gute Ärztin.“
Das hat etwas in mir ausgelöst. Ich habe angefangen, mich intensiver damit zu beschäftigen und nach Wegen zu suchen. Spätestens mit meiner Arbeit im Krankenhaus wurde mir klar: Genau das ist es. Ich möchte Medizin studieren.
Manchmal ändern sich Pläne schneller, als man denkt. Ursprünglich hatte ich meinen Freiwilligendienst schon bis Januar 2027 verlängert. Jetzt sieht mein Weg anders aus. Ich werde Ende Juli nach Deutschland zurückkehren, am 01.08. mein Pflegepraktikum beginnen und anschließend ein Medizinstudium im Ausland starten.
Einerseits freue ich mich sehr auf diesen neuen Weg, darauf, tiefer einzutauchen und Antworten auf meine vielen Fragen zu finden. Andererseits bleiben mir nur noch dreieinhalb Monate hier in Tansania, und das fühlt sich unglaublich kurz an.
Ich merke, dass ich noch nicht bereit bin zu gehen. Und ehrlich gesagt habe ich auch Respekt vor dem Zurückkommen, vor dem Einleben in ein altes Leben, das sich vielleicht gar nicht mehr so vertraut anfühlt, und gleichzeitig vor dem Beginn eines ganz neuen Abschnitts.
Gleichzeitig weiß ich: Dieses Jahr kann mir niemand mehr nehmen. Es war die beste Entscheidung meines Lebens. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich so sehr auf eine fremde Kultur einlassen und mich dabei so wohlfühlen würde. Und vor allem hätte ich nie gedacht, dass ich mich so sehr in dieses Land und die Menschen verlieben kann.
Auch wenn schon mehr als die Hälfte meiner Zeit hier vergangen ist, ist für mich klar: Die kommenden Monate werde ich genauso bewusst leben wie die bisherigen. Mit Energie, Freude und dem Wunsch, jeden Moment mitzunehmen, zu lernen, zu entdecken und zu erleben.
Denn diese Zeit ist begrenzt. Und genau das macht sie so wertvoll.
Alles Liebe aus Tansania❤️
Joana


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