5. Deutschland vs. Tansania

Hallo ihr Lieben,

ich hoffe, es geht euch allen gut. Mittlerweile bin ich schon seit über drei Monaten in Tansania und ich kann’s immer noch nicht glauben, wie schnell die Zeit vergeht. Eigentlich wollte ich euch heute wieder erzählen, was in den letzten Wochen alles passiert ist, denn es gab natürlich wieder einiges: einen Besuch bei anderen Freiwilligen in Muleba, einen Trip nach Mwanza, viele schöne Momente bei der Arbeit, eine Priesterweihe, unzählige Augenblicke mit meinen Freunden hier in Rulenge und vieles mehr.

Zu Beginn trotzdem ein Fotorecap aus den letzten Wochen:

Heute möchte ich aber einen ganz anderen Fokus setzen. Ich möchte über die größten Unterschiede sprechen, die mir hier in Tansania bisher aufgefallen sind. Dinge, die ich mitbekomme, erlebe und sehe, und die im Vergleich zu Deutschland einfach ganz anders sind. Alles, was ich im Folgenden schreibe, basiert auf meinen persönlichen Eindrücken und Erfahrungen. Vieles trifft sicherlich nicht auf ganz Tansania zu, sondern vor allem auf meine Region. Und genauso beziehen sich meine Gedanken zu Deutschland nur auf das, was ich selbst kenne und bisher erlebt habe. Und ich kann jetzt schon sagen, dass es so viele Eindrücke gibt, dass es auf jeden Fall einen zweiten Teil dieser Art des Blogs geben wird.

 

1. Gastfreundschaft und Offenheit

Die Gastfreundschaft hier hat mich von Tag eins tief beeindruckt. Alle Türen stehen offen, man wird ständig zum Essen eingeladen und als Gast wird man oft behandelt, als wäre man schon immer ein Teil der Familie gewesen. Diese Herzlichkeit begegnet mir jeden Tag auf eine ganz besondere Art, die mich wirklich bewegt. Alle begrüßen sich auf der Straße, man ist sofort Teil der Dorfgemeinschaft und ich habe mich von Anfang an zugehörig gefühlt.  

Was ich dabei auch spannend finde: Niemand läuft mit Kopfhörern herum. Wenn Musik läuft, dann für alle, egal ob auf dem Fahrrad oder beim Gehen. Man ist immer irgendwie zusammen. Für mich als Deutsche ist das ungewohnt, weil man sich in Deutschland selbst unter Bekannten nicht immer grüßt, die Menschen oft zurückhaltender sind und ich, egal wo ich hingehe, Kopfhörer aufhabe. Hier fühlt sich alles so viel offener und verbundener an.

 

2. Große Familien

Familien mit weniger als drei Kindern gibt es hier nur sehr selten. Eine kleine Familie beginnt eher bei vier bis fünf Personen. Viele Kinder zu haben, ist etwas sehr Gutes und Wichtiges, und oft, wenn ich sage, dass ich „nur“ zwei Geschwister habe, höre ich: „Oh, das tut mir sehr leid.“ Familie hat hier eine viel tiefere und bedeutendere Rolle als das, was ich aus Deutschland kenne. Familie ist alles! Und neben der engen Kernfamilie und der direkten Verwandtschaft fühlt es sich für mich so an, als wären alle eine große Familie. 

Es beeindruckt mich jeden Tag, weil man die Jüngeren automatisch Bruder und Schwester nennt und die Älteren mit Mama und Papa anspricht. Ganz egal, ob man sie wirklich kennt oder nicht. Das schafft eine Nähe, die ich vorher so nie erlebt habe, obwohl es am Anfang schon sehr ungewohnt war

3. Laute Musik im Bus

Etwas, das mir hier auch sofort aufgefallen ist, ist die Musik in den Bussen. Sie läuft immer, egal zu welcher Uhrzeit, ja auch morgens um fünf, wenn man eigentlich einfach nur schlafen will. Und sie läuft sehr laut! In Deutschland bin ich ruhige Busfahrten gewohnt, in denen jeder für sich ist und Kopfhörer trägt. 

Hier wird Musik geteilt, sie erfüllt den ganzen Bus und schafft eine richtig coole Atmosphäre. Bei manchen Songs singen die Leute einfach mit und in größeren oder moderneren Bussen gibt es sogar einen Fernseher, auf dem Musikvideos laufen. Am Anfang war ich überrascht und manchmal auch etwas genervt, weil ich einfach nur schlafen wollte und man bei der Musik nicht wirklich von ruhiger Musik sprechen kann. Mittlerweile finde ich es total schön, weil ich dadurch viel mehr tansanische Musik kennenlerne und jede Busfahrt zu einem richtigen Highlight geworden ist.

4. Transport

Der Transport funktioniert hier nach dem Prinzip, dass immer irgendwo noch Platz ist, egal wie voll es bereits ist. Busse und Autos werden so sehr gefüllt, bis es wirklich gar nicht mehr geht. Und damit meine ich nicht das deutsche „fünf Personen im Auto“. Auf den zwei Plätzen vorne sitzen irgendwie vier Personen, auf der Rückbank fünf und im Kofferraum nochmal drei. Und das Gepäck? Das landet einfach auf dem Dach! 

Am Anfang war ich wirklich skeptisch, weil ich die deutschen Sicherheitsstandards gewohnt bin. Aber die gibt es hier nicht, und bisher ist auch noch nichts von unseren Sachen runtergefallen. Mittlerweile bewundere ich diese entspannte Haltung und die Kreativität, mit der Lösungen gefunden werden. Hauptsache es ist praktisch und alles und jede:r kommt mit!

 

5. Bildungssystem

In Deutschland sind öffentliche Schulen kostenlos, und obwohl ich mich früher so oft über den Schulalltag aufgeregt habe, wurde mir in Tansania erst richtig bewusst, wie verschieden Bildung auf der Welt sein kann.

Es gibt zwar staatliche Schulen, doch kostenlos ist der Schulbesuch trotzdem nicht. Eltern müssen Uniformen, Hefte, Papier und weiteres Material selbst bezahlen. Für viele Familien ist das kaum machbar, weshalb einige Kinder gar nicht erst zur Schule gehen können und früh anfangen müssen zu arbeiten. Obwohl es eine Schulpflicht gibt, ist es vielen Eltern nicht möglich ihre Kinder auf Schulen zu schicken. Wenn die Regierung davon erfährt, kann es sogar passieren, dass die Eltern ins Gefängnis kommen und somit die Kinder alleine gelassen werden.

In der Grundschule gibt es zwei Schulformen: Swahili-Schulen, die vom Staat finanziert werden, und English Medium Schools, die privat und sehr teuer sind. Wer auf eine Swahili-Schule geht, bekommt nur sehr wenig Englischunterricht. Viele Kinder sprechen nach der Grundschule daher kaum Englisch, was ihre Möglichkeiten später einschränkt.

Auch ein Studium ist eine große finanzielle Belastung. Universitäten kosten sehr viel Geld. Wer zuvor auf einer Privatschule war, erhält keine staatliche Unterstützung, weil davon ausgegangen wird, dass die Eltern die Kosten tragen können. Wer eine staatliche Schule besucht hat, kann einen Kredit beantragen, allerdings sind die Voraussetzungen dafür sehr hart und man muss ihn kurz nach dem Studium komplett zurückzahlen.

Während Schulbesuch in Deutschland selbstverständlich wirkt, müssen Familien in Tansania so oft darum kämpfen, dass ihre Kinder überhaupt eine Chance auf Bildung haben.

6. Konsum

Die Auswahl an Produkten ist viel kleiner als in Deutschland und hängt stark davon ab, was gerade verfügbar ist und Saison hat. Wenn gerade Mango-Saison ist, gibt es sie überall; wenn keine Saison ist, findet man sie überhaupt nicht. An Shampoos, Öl oder Putzmittel gibt es nur eine kleine Auswahl. Fertigprodukte gibt es hier generell nicht, alles wird frisch gekocht und aus einfachen Zutaten zubereitet. Am Anfang war das eine Umstellung, aber es macht einen nur kreativer.

Gleichzeitig fällt mir dabei noch viel stärker auf, wie überladen wir in Deutschland sind. Der übermäßige Konsum und die ständigen Möglichkeiten, einfach alles online zu bestellen, wirken hier irgendwie total übertrieben. Hier merkt man erst so richtig, wie stark wir uns alle an diesen Überfluss gewöhnt haben und wie wenig man eigentlich wirklich braucht.

7. Müll

Die Müllentsorgung wird hier ganz anders gehandhabt. Wir werfen ihn einfach in den Graben vor dem Haus, der dann einmal pro Woche angezündet wird. Richtige Müllsäcke gibt es nicht zu kaufen, und eine Müllabfuhr oder Mülltrennung wie in Deutschland wären hier völlig undenkbar.

 

Müllgraben vor unserem Haus

8. Spontanität der Menschen

Planung und Spontanität haben hier eine ganz andere Bedeutung. Viele Dinge ergeben sich spontan im Laufe des Tages. Beispielsweise kann man Bustickets erst 24 Stunden vor Abfahrt kaufen. In Deutschland wird alles viel langfristiger geplant und für mich, die sonst immer ihre Termine Monate im Voraus geplant hatte, ist es richtig schön zu erleben, einfach im Moment zu leben und zu sehen, was heute spontan so alles passiert. Damit bleibt es einfach immer spannend!

 

9. Kinderarbeit

Dieses Thema hat mich zugegebenermaßen etwas schockiert, weil mir vorher nicht bewusst war, wie präsent es hier tatsächlich ist. Kleine Kinder, nicht älter als zehn, stehen auf der Straße und verkaufen Sachen, um ihre Familien zu unterstützen. Jede:r darf einfach auf den Markt gehen und seine Waren verkaufen, wie man es aus Deutschland kennt, mit einem Stand anmelden, gibt es nicht. Selbst ich könnte morgen früh hin und etwas verkaufen, wenn ich wollte. In Deutschland wäre das vollkommen undenkbar, hier ist es Teil des Alltags und man wird immer wieder damit konfrontiert.

10. Stadt vs. Dorf

Mir ist aufgefallen, dass die Disparitäten zwischen Stadt und Land gerade bei der Kinderarbeit besonders deutlich werden. Auf dem Land ist die Armut viel größer, auch weil die Regierung weniger prüft. In den Städten ist das weniger stark ausgeprägt, dort gibt es mehr Strukturen, die Kinder können eher zur Schule gehen, und vieles ist einfach etwas leichter. Generell sind die Dienstleistungen in den Städten deutlich besser ausgebaut und moderner. Auch die Krankenhäuser sind deutlichst besser ausgestattet und es gibt mehr Transportmöglichkeiten.

11. Straßen

Beim Reisen in Tansania kann man sich wirklich in Geduld üben. Die meisten Straßen sind schlecht ausgebaut, besonders in meiner Region, wodurch man meistens sehr sehr lange für eigentlich kurze Strecken braucht. In Deutschland sind wir glatte, sichere Straßen und Autobahnen gewohnt. Hier wird aus einer Fahrt oft ein kleines Abenteuer, mal nervig, mal super lustig, aber auf jeden Fall immer unvergesslich. Manche Autos bleiben stecken, weil die Schlaglöcher zu tief sind und bei Regen sind die Straßen dann so matschig, dass der Verkehr lahm gelegt wird. Teilweise kippen sogar die Busse um, weil sie für die schlechten Straßen einfach nicht gemacht sind. 

 

Wenn ich all diese Unterschiede so zusammenfasse, merke ich erst richtig , wie viele neue Eindrücke ich hier jeden Tag sammle. Vieles überrascht mich, manches bringt mich zum Nachdenken und anderes einfach nur zum Lachen. Es ist schön zu sehen, wie unterschiedlich der Alltag am anderen Ende der Welt so sein kann und wie sehr mich diese Erlebnisse prägen.

Durch meinen WFD lebe ich deutlich bewusster. Mir fallen viel mehr Dinge auf, die vorher für mich selbstverständlich waren, und ich schätze das privilegierte Leben in Deutschland immer mehr wert. Auch wenn ich mich früher so oft über Kleinigkeiten aufgeregt habe, bei denen ich jetzt merke, wie unwichtig sie eigentlich sind, wenn man sie mit echten Problemen und Herausforderungen vergleicht. Dafür bin ich unglaublich dankbar, weil auch dieser Lernprozess ein riesiges Geschenk ist.

Ich bin sehr dankbar für all die Momente, die ich hier erleben darf, und freue mich auf alles, was noch kommt.🥰

Jetzt wünsche ich euch erstmal eine schöne Vorweihnachtszeit und hoffe, dass ihr es euch gemütlich macht, egal wo ihr gerade seid.🤩❤️

Bis ganz bald und alles Liebe aus Tansania💛🇹🇿

Fühlt euch alle ganz doll umarmt❤️

Eure Johaenski

 

Kommentare

4 Antworten zu „5. Deutschland vs. Tansania“

  1. Avatar von loudlychief2c32b18620
    loudlychief2c32b18620

    Liebe Johanna,

    habe ganz herzlichen Dank für die interessante Gegenüberstellung und deine Erfahrungen in Tanzania.
    Mir fällt auf all deinen Fotos auf, dass du auf jedem Bild strahlst und daran kann ich erkennen, wie sehr du die Menschen deiner momentanen Lebenswelt genießt, obwohl oder weil die Kontraste zu Deutschland so groß sind und du so viele neue Erfahrungen machen darfst. Ich wünsche dir weiterhin eine schöne Zeit mit lieben Begegnungen. Herzlichst 🌺 Roswitha

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    1. Avatar von jzoellerka
      jzoellerka

      Vielen vielen Dank, das ist sooo lieb von dir😍

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  2. Avatar von
    Anonymous

    Liebe Johanna,

    Danke für deinen ausführlichen Reisebericht. Es ist schön für mich, so einen Einblick in das Leben in Tansania zu bekommen, ganz persönlich von dir aus erster Hand. Das Leben kommt mir dort sehr viel chaotischer, ungeplanter, lebendiger, aber auch manchmal anstrengender vor als hier. Gleichzeitig spüre ich durch deine Bericht so viel an Menschlichkeit, Wärme, Herzlichkeit, Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft aus einem ganz warm ums Herz wird. Danke dir dafür und ich wünsch dir weiterhin eine gute Zeit und bin gespannt, was du berichtest.

    liebe Grüße Aus München

    Filiz

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    1. Avatar von jzoellerka
      jzoellerka

      Vielen lieben Dank! Ja das finde ich auch, ich glaube das werde ich wenn ich zurück in DE bin auch richtig doll vermissen!

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